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hier findest du alles rund um das Thema Gemeinwohlökonomie

Persönliche Vorgeschichte und Motivation

Mein Weg zur ersten Gemeinwohl-Bilanz ist Ergebnis längeren Strebens für eine bessere Welt, mit vielen Versuchen, Entdeckungen und Beobachtungen, Erfolgen und auch Rückschlägen, und so auch ein Stück Lebensgeschichte mit jetzt über sechzig Jahren Lebenserfahrung.

Am Ende meines Studiums der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Dipl.oec.) wagte ich 1986 für die F.D.P. eine Kandidatur für den Landtag. Ohne Lobby aber mit dem Thema „Ausstieg aus der Kernkraft“ wurde ich bemerkenswert weit vorgewählt (von Listenplatz 32 auf 19, die F.D.P. stellte dann elf Mitglieder des neuen Landtags). Meine politische Karriere habe ich nicht weiterverfolgt, geblieben ist aber die Ambition.

Mein berufliches Engagement konzentrierte sich auf Verbesserung von Prozessen. Für besseres Funktionieren, bessere Zusammenarbeit, höhere Kundenzufriedenheit und niedrigere Kosten. Jeweils über zehn Jahre konnte ich bei der Veit GmbH und der Hilti Deutschland GmbH alltägliche Dinge mitgestalten, immer mit dem Ziel, es noch besser zu machen.

Die Veit GmbH ist ein weltweit operierender mittelständischer Hersteller von Investitionsgütern zur Formgebung für die Bekleidungsindustrie und nachgeordneten Dienstleistungen in der textilen Pflege. Zwischen 1981 und 1995 habe ich dort u.a. Prozessabläufe geordnet und beschrieben und ein komplett neues ERP-System mit externen Partnern aufgesetzt. Eine eindrückliche Geschichte war die von Günter Veit, der durch einen Umzug mit Sack und Pack nach Singapur die Verschiebung der Bekleidungs-Produktion nach Asien in einem sehr preisaggressiven Umfeld für seine Firma meisterte.

Meinem kurzen Engagement als Unternehmensberater folgte 1996 das Engagement bei der Hilti Deutschland GmbH, wo ich als Controller in der Logistik den Weg vom chaosnahen Durchwursteln (die Lieferzeit für eine HILTI – wohl jedem ein Begriff – betrug damals ca. zwei Wochen, wenn sie denn verfügbar war) zum Spitzenperformer begleiten durfte: U.a. hatten wir auch die Kosten je Lieferposition halbiert (!). 2006 konnten wir einen vierten Platz erreichen bei einem bundesweiten Logistikwettbewerb mit vielen prominenten Namen. Was fehlte zur Top-Position war einflussreichere Lieferantensteuerung: die deutsche Verkaufsorganisation sollte also stärkeren Einfluss auf die Firmenzentrale in Liechtenstein ausüben, oder banal der Schwanz sollte mit dem Hund wedeln.

Bei Management Circle in Frankfurt konnte ich mit einer Darstellung meiner bei Hilti entwickelten Prozesskostenrechnung überzeugen.

In meiner Zeit bei Hilti habe ich viel über Führung und Teamspirit (wahrnehmen) gelernt, Heinrich Becker hat ein heterogenes Team zusammengesetzt, immer ein Spannungsfeld zwischen Alt und Jung, Frau und Mann, schnell und strategisch, menschlich und ergebnisorientiert erzeugend, um mit aller Kraft und Ehrlichkeit zur besten Lösung zu kommen.

Ich wagte 2008 den Sprung in die Selbständigkeit mit dem Anspruch, dem umfangreichen Markt der Geldanlagen ein nachhaltiges Gesicht geben zu können und wurde Versicherungsmakler mit der tollen Mailadresse geld@fuers-alter.de. Während es mit der Nachhaltigkeit so eine Sache war (meist nur über Ausschlusskriterien), griff die Finanzkrise um sich. Sie brachte vor allem keinen Umsatz sowie zusätzliche Regulierungen, und meine Begeisterung für Dokumentation oder Sachversicherungen wollte einfach nicht wachsen, vom Kern meiner Überlegungen war ich immer weiter weg, wo hätte ich Geld für Mikrokredite in Bangladesh oder Ghana organisieren und damit selbst noch verdienen können. Ein einziges Dilemma …

In einer regionalen Initiative, deren begrüßenswerter Ansatz  von Markus Matschiner ausging, gebaren wir mit zeitweilig bis zu zehn Akteuren „regiovado“ („ich gehe regional“) und scheiterten grandios. Ich konnte mit Beratung zu Strategie und Prozessverbesserung, u.a. durch ein neues ERP-Projekt bei Veit, meine Selbständigkeit aufrechterhalten und machte mich auf die Suche, wie ich meine Expertise, meine Fähigkeit zu vernetztem Denken, meine Ambition, Verbesserung in diese Welt zu tragen, und meine berufliche Zukunft unter einen Hut bringen könnte.

Die Ausgangslage war eigentlich schon länger klar:

siehe: https://www.footprintnetwork.org/content/images/efhdisdgi.jpg

(Man sieht deutlich: der Pfad der Entwicklung verläuft nie in den grauen Quadranten rechts unten, sondern steigt nach rechts oben, kein Land der Erde erreicht das UN-Ziel)

Wenn das etwas mit mir zu tun hat, habe ich ein großes Projekt. Aber was tun? Im Herbst 2017 konnte ich an einem Seminar der Evangelischen Akademie in Tutzing über die Degrowth-Bewegungen (Titel: „Anders wirtschaften“) teilnehmen. Ja, wie soll das eigentlich gehen: dreifacher ökologischer Fußabdruck mit unserem Lebensstil; auf jeden Fall wachsen, sonst kommt die Wirtschaftskrise; die Mehrheit der Menschheit lebt in Armut und strebt danach, unseren Lebensstil auch noch anzunehmen. Geht’s noch? Viele Initiativen fordern folgerichtig einen radikalen Bruch.

Die Gemeinwohl-Ökonomie hat den Charme, direkt den Werten – ausgehend von unserer Verfassung – in unserem bestehenden Wirtschaftssystem ein Entscheidungsgewicht zu geben und damit das Potenzial zum Gegenwicht ökonomischer Zwänge aufzubauen, auch ganz ohne Revolution.

Ich entschied mich, Berater für Gemeinwohl-Bilanzen zu werden, und startete 2018 den Lernweg. Meine erste jetzt vorliegende Gemeinwohl-Bilanz ist eine sehr wichtige Erfahrung. Spannend ist vor allem die Auseinandersetzung mit bisher nicht aufgeworfenen Fragen, die meine Sicht auf die Welt und auf mich selbst in Bewegung bringen. Jedem, der neugierig ist, kann ich versprechen: Du änderst Dein Verhalten, Du tust es aktiv, selbst steuernd, ohne Druck aber mit Freude. Und daher meine Empfehlung: Anfangen. Einfach mal machen. Gut für einen selbst, gut für die anderen, gut für die Umwelt.


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